Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Ökologische Nischen flexibler als gedacht
Jagdgewohnheiten tauchender Seevogelarten unterscheiden sich auch innerhalb der Art
Die ökologische Einnischung von Tierarten ist offenbar flexibler als bisher angenommen. Eine Studie zeigt, dass sich die Jagdgewohnheiten tauchender Seevögel sowohl zwischen verschiedenen Arten als auch innerhalb einer Art stark unterscheiden. Die ökologischen Nischen sind dabei nicht starr festgelegt: Unterschiedliche Lebensräume, das Vermeiden von Konkurrenz mit Nachbarn oder das Ausweichen vor Fressfeinden führen auch innerhalb einer Art zu unterschiedlichem Verhalten, das berichten Forscher jetzt in der Fachzeitschrift „Ecosphere“.

Eselspinguine in der Kolonie
Eselspinguine in der Kolonie
© MPI für Ornithologie / Petra Quillfeldt Eselspinguine in der Kolonie
Wenn sich Tiere einen Lebensraum mit begrenztem Nahrungsangebot teilen, müssen sie sich in ihren Nahrungsgewohnheiten unterscheiden - eine Spezialisierung, die man als ökologische Einnischung bezeichnet. Wie dies geschieht, kann man besonders gut anhand von Seevögeln untersuchen, da sie zur Brut ans Land gebunden sind und sich insbesondere zur dieser Zeit viele Tiere den Platz und die Nahrung teilen müssen. Die Vögel brüten oft auf engstem Raum in Kolonien, was Schutz vor Fressfeinden bietet, doch ihre Nahrung finden die Vögel weiträumig verteilt im Meer. Sie müssen sie aufnehmen und zu ihrem Nachwuchs zurück auf die Insel bringen.

Tauchvögel der Falkland-Inseln als Untersuchungsobjekt
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell stellten sich die Frage, wie mehrere in ihren Ansprüchen ähnliche Arten gemeinsam auf einer Insel brüten können und wie genau sich ihre ökologischen Nischen unterscheiden. Mit GPS-Tauchtiefeloggern, die eine detaillierte dreidimensionale Darstellung des Tauchverhaltens eines Vogels ermöglichen, haben Forscher in der Vergangenheit bereits von mehreren Tauchseevögeln wie Pinguinen und Kormoranen die Jagdgebiete und Tauchtiefen untersucht, jedoch immer nur für eine Beispielkolonie. Nicht bekannt war bisher, ob sich solche Daten auf die ganze Art übertragen lassen.

Auf New Island, einer kleinen Insel im Falkland-Archipel im Südwest-Atlantik, untersuchten die Wissenschaftler um Juan Masello mit GPS-Tauchtiefenloggern erstmals gleichzeitig die Jagdgewohnheiten von vier Tauchseevögeln: Eselspinguinen, Felsenpinguinen und Magellanpinguinen sowie von Blauaugen-Kormoranen. Außerdem verglichen die Forscher jeweils zwei Kolonien von jeder der drei Pinguinarten.

Überraschend große innerartliche Unterschiede
„Die Ergebnisse haben uns sehr überrascht." erklärt Masello. „Wir hatten, der ökologischen Nischentheorie entsprechend, vor allem starke Unterschiede zwischen den Arten erwartet. Die Daten zeigten dann jedoch, dass sich die räumliche und zeitliche Verteilung der Vögel auch innerhalb einer Art sehr stark unterscheiden kann."

„Magellanpinguine zum Beispiel schwammen, selbst wenn die Kolonien an Land nur zwei Kilometer voneinander entfernt waren, zur Nahrungssuche in etwa 40 Kilometer weit auseinander liegende Meeresgebiete. Bei den Eselspinguinen waren Vögel einer Kolonie auch nachts auf Jagd, während die Nachbarkolonie ausschließlich am Tag jagte. Die Tiere vermeiden so eine Überschneidung der Nahrungsgebiete, und die kleinräumigen Unterschiede im Jagdgebiet werden effizient genutzt", ergänzt Petra Quillfeldt.

Bei den Blauaugen-Kormoranen gehen am Vormittag die Weibchen in Küstennähe auf Jagd, am Nachmittag jagen die Männchen auf dem offenen Meer. So haben die einzelnen Seevogelarten verschiedene Lösungen gefunden, um innerartliche Konkurrenz weitgehend zu vermeiden. "Die Nahrung ist nicht der einzige Faktor, der die Verbreitung der Vögel um die Insel herum bestimmt", führen die Forscher weiter aus. „Bei zwei Pinguinarten war sehr deutlich zu erkennen, dass die Tiere es vermieden, in die Nähe einer Seelöwenkolonie zu schwimmen, um nicht selbst zur Beute zu werden. Diese Gefahrenzone trug zusätzlich zur räumlichen Trennung der Vögel auf dem Meer bei."

Spezialisierungen innerhalb der Art mildern Konkurrenz
Eine vergleichbar umfassende Arbeit, die in einem bestimmten Zeitraum die Einnischung sowohl zwischen verschiedenen Arten als auch innerhalb einer Art untersucht, gab es bisher nicht. Sie hat gezeigt, dass sich Vögel unterschiedlicher Arten und auch Tiere ein und derselben Art in ihrer räumlichen und zeitlichen Verbreitung unterscheiden und dass die Tiere in geographisch weit auseinander liegenden Meeresgebieten unterschiedlicher Tiefe und Temperatur nach Nahrung suchen.

Die ökologischen Nischen der untersuchten Arten sind daher weit weniger festgelegt als bisher angenommen. Bereits kleine Unterschiede der Lebensräume oder im Verhalten - sei es bei der Konkurrenzvermeidung mit Nachbarn oder beim Ausweichen vor Fressfeinden - tragen zu dieser Spezialisierung bei. (Ecosphere, 2010, doi: 10.1890/ES/0-001031)
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
ökologische Nische, Seevögel, Vogel, Nahrungssuche, Einnischung, Art, Nische, Verbreitung, Verhalten, Biologie, Ökologie
Weitere News zum Thema
Computermodell ermittelt neuen Grund für das Aussterben der Dinosaurier (18.04.2012)
Säugetiere überlebten die Riesen, weil sie keine Eier legten
Unsere Vorfahren paarten sich mit anderen Menschenarten (06.09.2011)
Forscher finden Gene urtümlicher Vertreter der Gattung Homo in unserem Erbgut
Faultiere: Anatomie spart Energie (21.07.2011)
Röntgenfilm widerlegt Annahme von besonders energiesparender Bewegungsweise
Eisfische: Artenvielfalt durch „Gefrierschutz-Protein“ (20.04.2011)
100 verschiedene Spezies besiedeln ökologische Nischen in den antarktischen Gewässern
Bevölkerungswachstum bringt Rifffische in Gefahr (06.04.2011)
Studie: Rolle der Biodiversität in Riffen bisher stark unterschätzt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Vögel
Darwins Vermächtnis
Klimafolge Artensterben
Dossiers zum Thema
Gruppen, Rudel, Schwärme
Viele sind besser als einer
Symbiosen
Eine Hand wäscht die andere
Kannibalismus
"Dinner for One" unter Artgenossen
Angriff der Exoten
Tierische und pflanzliche Einwanderer auf Erfolgskurs?
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
Landbrücken
Evolution auf Wanderschaft
Egoismus schafft Gemeinsinn
Auf der Suche nach den Triebkräften der Kooperation
News des Tages
Urozean: Sauerstoff-„Ping-Pong“ als Evolutions-Antrieb?
Rätsel um Hauptnahrung galaktischer Schwarzer Löcher
Genmutation schuf historischen „Riesen“
Größe des pazifischen Müllstrudels übertrieben?
Herz: Zwei Ionenkanäle in einer Zelle
Ökologische Nischen flexibler als gedacht
Muschelkleber für DNA-Chips
Dioxin-Skandal weitet sich aus
Bücher zum Thema
Biologie für Einsteiger
Prinzipien des Lebens verstehen von Olaf Fritsche
Ökologie
von Thomas M. Smith und Robert L. Smith
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
von Josef H. Reichholf
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen