Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 25.05.2012
Nehmen Pflanzen mehr Kohlendioxid auf als gedacht?
Modelle des Kohlenstoffkreislaufs müssen vielleicht korrigiert werden
Die Pflanzenwelt nimmt möglicherweise bis zu 45 Prozent mehr Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid auf als bisher angenommen. Das hat ein internationales Forscherteam jetzt aus der Auswertung von Kohlendioxid-Daten aus 30 Jahren geschlossen. "Unsere Analysen deuten darauf hin, dass die gängigen Schätzungen von weltweit 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr zu niedrig sein könnten", schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature". Stattdessen nehme die Vegetation das Treibhausgas Kohlendioxid offenbar schneller auf und baue es zu organischen Verbindungen um. Die aktuellen Schätzungen müssten daher möglicherweise nach oben korrigiert werden.

Pflanzen könnten mehr Kohlendioxid aufnehmen als gedacht
Pflanzen könnten mehr Kohlendioxid aufnehmen als gedacht
© André Kuenzelmann/UFZ Pflanzen könnten mehr Kohlendioxid aufnehmen als gedacht
Die Studie von Lisa Welp von der Scripps Institution of Oceanography in La Jolla und ihre Kollegen beruht auf Luftproben, die seit 1977 monatlich an unterschiedlichen Wetterstationen genommen und unter anderem auf ihren Isotopengehalt hin ausgewertet werden. Die Forscher analysierten Schwankungen zweier Sauerstoffisotope im atmosphärischen Kohlendioxid dieser Proben. Das Verhältnis dieser Atomsorten O18 und O16 wird unter anderem durch Regen und andere Niederschläge beeinflusst, aber auch durch die Atmung und Photosynthese der Pflanzen, die dabei CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben.

Verräterische Schwankungen im Isotopenverhältnis
Man habe eine periodisch alle zwei bis zehn Jahre wiederkehrende Schwankung der Isotopenwerte festgestellt, sagen die Forscher. Diese zeitliche Abfolge deute auf einen Zusammenhang mit dem El Nino-Phänomen hin. Diese zyklisch wiederkehrende Klimaschwankung führt zu einem nasseren und wärmeren Klima in Südamerika und einigen anderen Regionen. Das dabei vermehrt verdunstende Wasser beeinflusst die Isotopenwerte im Sauerstoff der Luft und spiegelt sich als Anomalie wieder, wie die Wissenschaftler feststellten.

Nach den El-Nino-Ereignissen sei aber eine unerwartet rasche Erholung der Isotopenverhältnisse zu beobachten. "Das deutet auf eine kürzere Umsatzzeit von CO2 in der Biosphäre der Erde hin", sagen Welp und ihre Kollegen. Die Vegetation habe offenbar eine höhere Photosynthese-Aktivität als angenommen und gleiche die Isotopenwerte daher schneller aus. Daher müsse sie auch mehr Kohlenstoff aufnehmen als bisher angenommen.

Luftprobenlager am Cap Grim in Tasmanien
Luftprobenlager am Cap Grim in Tasmanien
© Tilo Arnhold/ UFZ Luftprobenlager am Cap Grim in Tasmanien
"150 bis 175 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr spiegeln die beobachteten Verhältnisse wahrscheinlich besser wieder", konstatieren die Wissenschaftler. Bestätigt sich dies, müssten die globalen Modelle zum Kohlenstoffkreislauf umgeschrieben werden. Dies könnte auch Auswirkungen auf die Klimaforschung haben. Da der Kohlenstoffkreislauf entscheidend ist für die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre, bildet er auch die Basis für Klimamodelle und Vorhersagen des zukünftigen Klimas.

Schlussfolgerungen müssen erst noch überprüft werden
Inwieweit diese Schlussfolgerungen sich bewahrheiten, müsse sich aber erst noch zeigen, schreibt Matthias Cuntz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in einem Kommentar in derselben Nature-Ausgabe. „Globale Schätzungen hängen von einer Reihe von Annahmen ab", erklärt der Forscher. Dazu gehöre zum Beispiel, wie viele verfügbare CO2-Moleküle eine Pflanze tatsächlich mittels Photosynthese umsetze.

Welp und ihre Kollegen nehmen an, dass etwa 43 Prozent aller CO2-Moleküle, die über die Blätter einer Pflanze aufgenommen werden, auch von dieser verarbeitet werden. Dieser Wert sei aber von der Verteilung bestimmter Pflanzensorten abhängig, da einige Pflanzen mehr Kohlenstoff binden können als andere, sagt Cuntz. Hier müssten weitere Forschungen erst zeigen, ob dieser Wert stimme. (Nature, 2011; DOI:10.1038/nature10421)
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
El Nino, Pflanzen, Vegetation, CO2, Kohlenstoffkreislauf, Kohlendioxid, Klimamodell, Sauerstoff-Isotop, Klimaschwankung, Klima, Verdunstung, Photosynthese, Biomasse, Primärproduktion
Weitere News zum Thema
Wetterextreme: Klimawandel ist schuld (26.03.2012)
Extreme Starkregen und Hitzewellen des letzten Jahrzehnts sind hausgemacht
Klimawandel macht Winter in Europa kälter (28.02.2012)
Schwindendes Meereis verändert Luftströmungen und bringt mehr Schnee
Klimawandel dehnt Atmosphäre aus (30.11.2011)
Forscher weisen Fingerabdruck des Menschen in der Lufthülle nach
Regenwälder: Meerestemperaturen kündigen Feuergefahr an (11.11.2011)
Modell ermöglicht bessere Vorhersage von Waldbränden im Amazonasgebiet
El Nino bleibt auch bei Klimaerwärmung stabil (15.09.2011)
50 Millionen Jahre alte Muschelschalen belegen Existenz des Phänomens auch in der letzten Warmzeit
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Planet Erde
Klimafolge Artensterben
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
El Niño
Pazifische Klimakapriolen mit weltweiten Folgen...
Pionierpflanzen
Leben aus dem Nichts
Grüne Kraftwerke
Wie die Pflanzen zu ihren Chloroplasten kamen
Das große Sterben
Wie reagiert die Natur auf den Klimawandel?
Wohin mit dem CO2?
Auf der Suche nach „Endlagern“ in Untergrund und Ozeanen
News des Tages
Licht von Galaxienhaufen bestätigt Relativitätstheorie
Nehmen Pflanzen mehr Kohlendioxid auf als gedacht?
Skandinavier sind weltweit am vertrauensvollsten
Geheimnisvolle Bronzezeit-Kultur in der Steppe entdeckt
Katalysator erleichtert Wasserstoffgewinnung aus Alkohol
Bücher zum Thema
Botanik
Die umfassende Biologie der Pflanzen von Ulrich Lüttge, Manfred Kluge und Gerhard Thiel
Globaler Wandel
Die Erde aus dem All von Stefan Dech, Rüdiger Glaser und Robert Meisner
Der lange Zyklus
Die Erde in 10.000 Jahren von Salomon Kroonenberg
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Chemie über den Wolken
...und darunter von Reinhard Zellner / GDCh (Herausgeber)
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Mensch trägt direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei
5. Straßenlaternen verändern Tierwelt des Bodens