Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 25.05.2012
Antibiotika in Nutztieren schufen gefährlichen MRSA-Keim
Multiresistenter Erregerstamm wechselte vom Menschen auf Tiere und zurück
Mindestens ein Stamm des gefährlichen multiresistenten Keims Staphylococcus aureus (MRSA) ist durch Antibiotika in der Tierhaltung entstanden. Das hat ein internationales Forscherteam herausgefunden. Die sogenannte CC398-Variante des Bakteriums sprang vom Menschen auf Nutztiere über und wurde erst dort resistent gegen verschiedene Antibiotika. Nun infiziert dieser multirestente MRSA-Stamm wieder Menschen - mit teilweise tödlichen Folgen. Der Erreger sei inzwischen sowohl in den USA als auch in Europa verbreitet, wie die Forscher im Fachmagazin „mBio“ berichten.

Staphylococcus aureus Bakterien
Staphylococcus aureus Bakterien
© CDC/ Matthew J. Arduino, DRPH Staphylococcus aureus Bakterien
„Die Rekonstruktion der Entwicklung des MRSA-Stamms CC398 war so ähnlich, als würde ich einem Superkeim bei der Geburt zusehen - faszinierend und beunruhigend zugleich“, sagt Erstautor Lance Price vom Translational Genomics Research Institute in Flagstaff. Es sei nun klar, dass dieser gefährliche Krankheitserreger des Menschen erst in den Nutztieren seine Resistenzen erworben habe. Der MRSA-Stamm CC398 ist gegen Tetrazykline und Methicillin resistent, zwei wichtige in der Humanmedizin eingesetzte Antibiotikagruppen.

Die meisten Infektionen mit der CC398-Variante des Bakteriums Staphylococcus aureus ereigneten sich bisher bei Menschen, die regelmäßig mit Nutzvieh in Berührung kamen. Der Stamm sei in den USA aber auch bereits auf 47 Prozent der untersuchten Fleischproben aus dem Handel entdeckt worden, sagen die Forscher.

Leichtsinniger Umgang mit Antibiotika
„Wir können dafür weder die Natur noch die Bakterien verantwortlich machen“, betont Mitautor Paul Keim von der Northern Arizona University. Es sei allein unser leichtsinniger Umgang mit Antibiotika, der nun auf uns zurückfalle - und der auch bei anderen Bakterien zu solchen Resistenzen führen könne.

Nach Ansicht der Forscher unterstreichen ihre Ergebnisse, wie riskant der verbreitete Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist. „Staphylococcus gedeiht am besten dort, wo Lebewesen eng gedrängt und unter schlechten hygienischen Bedingungen leben. Gibt man dann noch man Antibiotika dazu, ist das Problem vorprogrammiert“, sagt Price.

Gene von 88 Bakterienproben aus aller Welt analysiert
Für ihre Studie hatten die Forscher das Erbgut von 88 Staphylococcus aureus-Proben aus 19 Ländern und vier Kontinenten analysiert. Die Bakterien waren aus Menschen und verschiedensten Nutztieren, darunter Schweinen, Puten und Hühnern isoliert worden. Die Analyse ermöglichte es den Wissenschaftlern, die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Stämmen zu rekonstruieren. Dabei konnten sie feststellen, wann und wo das ursprünglich gegenüber Antibiotika empfindliche Bakterium seine Resistenzen entwickelte.

Die kugelförmigen Bakterien der Art Staphylococcus aureus sind normalerweise relativ unschädlich, sie finden sich auf Haut und Schleimhäuten von rund einem Drittel aller Menschen. Bei Schwerkranken oder Immungeschwächten können diese Keime jedoch schwere Infektionen und Blutvergiftungen auslösen, wenn sie über Wunden in das Blut gelangen und sich im Körper ausbreiten. Sind die Keime dann resistent gegenüber gängigen Antibiotika, kann dies für die Betroffenen den Tod bedeuten. (mBio, 2012)
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Bakterium, Bakterien, keim, Mikrobe, Erreger, MRSA, Staphylococcus aureus, Stamm, Antibiotika, Tierhaltung, Medikamente
Weitere News zum Thema
Einzelnes Gen verhilft Krankenhauskeim MRSA zum Erfolg (23.04.2012)
Forscher vollziehen Ausbreitung der antibiotikaresistenten Bakterien in Asien nach
Durchfallauslösendes Virus infiziert vor allem Menschen mit Blutgruppe A (17.04.2012)
Oberflächenmoleküle öffnen Erregern die Tür in die Darmzellen
Mikrobengenom verrät Überlebensstratgie der ersten Lebewesen (05.04.2012)
Essigsäure-Stoffwechsel eines Ur-Bakteriums entschlüsselt
Antibiotika-Sauger macht Mikroben resistent (02.04.2012)
Forscher entschlüsseln, wie sich Bakterien gegen Wirkstoffe wehren
Signalstoff macht Mikroben unempfänglich für Antibiotika (19.03.2012)
Erreger entgehen mit einer Art Winterschlaf möglichem Stress
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Multiresistente Keime
Robert Koch
Gefährliche Erreger
Bakterien
Dossiers zum Thema
„Super-Keime“ auf dem Vormarsch
Droht das Ende der Antibiotika?
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Alles öko, oder was?
Landwirtschaft im Wandel
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Extremophile
Grenzgänger im Reich der Kleinsten
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
Vogelgrippe
Vom Tiervirus zur tödlichen Gefahr für den Menschen
Influenza
Alter Feind in neuem Gewand
News des Tages
Wasserplanet mit Dampfhülle entdeckt
Antibiotika in Nutztieren schufen gefährlichen MRSA-Keim
Forscher enträtseln sieben Millionen Jahre alte Elefantenspur
Präziseste globale Permafrostkarten erstellt
Atome beim Zur-Ruhe-Gehen beobachtet
Forscher bauen Ausknopf für den Schmerz
Bücher zum Thema
Kleine Wunderwerke
Die unsichtbare Macht der Mikroben von Idan Ben-Barak
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Wächst die Seuchengefahr?
von Stefan H. E. Kaufmann und Susan Schädlich
Der Kampf zwischen Mensch und Mikrobe
2 CDs (Audio CD) von Stefan H. E. Kaufmann (Erzähler), Klaus Sander (Produzent)
Menschen, Seuchen und Mikroben
Infektionen und ihre Erreger von Jörg Hacker
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Mensch trägt direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei
5. Straßenlaternen verändern Tierwelt des Bodens