Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Atome beim Schmelzen beobachtet
Kristalle-Atome bleiben selbst beim Schmelzen träge
Wie und warum schmilzt ein Festkörper? Was ist flüssig? Diese scheinbar simplen Fragen sind gar nicht so einfach zu beantworten und auch heute noch Gegenstand aktueller Forschung. Einer internationalen Wissenschaftlergruppe ist es jetzt gelungen, die Bewegungen der Atome beim Schmelzen direkt und quasi in Echtzeit zu beobachten. Dabei haben sie wichtige neue Einblicke in den Ablauf des Fest-Flüssig-Phasenübergangs gewonnen.

Laser- bestrahlte Indium- Antimonid- Oberfläche
Laser- bestrahlte Indium- Antimonid- Oberfläche
© Universität Jena
Die Forscher haben exemplarisch das schnelle laserinduzierte Schmelzen eines Halbleiters (hier von Indium-Antimonid) mit Hilfe der zeitaufgelösten Röntgenbeugung untersucht und dazu eine neuartige Röntgenquelle, die Sub-Picosecond Pulse Source (SPPS) am Linearbeschleuniger SLAC in Stanford, USA, verwendet.

"Der Prozess des Laser-induzierten Fest-Flüssig-Phasenübergangs ist durch die Geschwindigkeit der Atome definiert, die sie unmittelbar vor der Laseranregung hatten", fasst Experimentalphysiker Professor Klaus Sokolowski-Tinten (42) von der Universität Jena das zentrale Ergebnis zusammen, das jetzt im Wissenschaftsmagazin Science vorgestellt wird. Der Laserimpuls, das konnten die Forscher beobachten, befreit die Atome schlagartig von ihren Bindungen untereinander und die Atome behalten, ihrer Trägheit folgend, anfangs einfach den Bewegungszustand vor der Anregung bei. Diese Bewegung ist vollkommen ungeordnet und durch die statistische Natur der Temperaturbewegung der Atome bestimmt.

"Das eine Atom weiß zunächst nicht, was das andere Atom macht und das Material befindet sich unmittelbar nach der Anregung in einem merkwürdigen Zwischenzustand: Einerseits sind die Atome noch regelmäßig angeordnet wie in einem kristallinen Festkörper, anderseits verhalten sie sich schon wie die Atome in einer Flüssigkeit", verdeutlicht der Experimentalphysiker.

Pilotcharakter für Freie-Elektronenlaser-Projekte
Ganz wesentlich für den Erfolg des Experimentes waren die kurzen Röntgenimpulse der SPPS, der ersten Beschleuniger-basierten Röntgenquelle, mit der es möglich ist, Röntgenimpulse von weniger als 100 Femtosekunden (1 fs = 10 hoch minus 15 s) zu erzeugen. "Das ist mindestens dreimal kürzer als das, was bisher im Röntgenbereich möglich war. Weil aber das Laser-induzierte Schmelzen so schnell ist, hätte das gleiche Experiment mit längeren Impulsen überhaupt nicht funktioniert", betont Sokolowski-Tinten, dessen Spezialgebiet am Institut für Optik und Quantenelektronik der Universität Jena die Ultrakurzzeit-Röntgenphysik ist.

"Mit unseren Ergebnissen haben wir aber nicht nur etwas Neues über das schnelle Schmelzen gelernt, sondern auch gezeigt, dass man mit solchen Beschleuniger-Röntgenquellen wirklich im Ultrakurzzeitbereich experimentieren kann", so Sokolowski-Tinten weiter. Deshalb hat das Experiment an der SPPS einen ganz wesentlichen Pilotcharakter für die Milliarden-schweren Freie-Elektronenlaser-Projekte LCLS (ebenfalls bei SLAC in Stanford) und EURO-XFEL beim DESY in Hamburg.

"SPPS gibt uns schon heute eine kleine Vorschau dessen, was in wenigen Jahren möglich sein wird", so Sokolowski-Tinten. Denn mit diesen "Lichtquellen der 4. Generation" wollen Forscher in Zukunft chemische Reaktionen filmen, die atomare Struktur von (Bio)Molekülen entschlüsseln und dreidimensionale Aufnahmen aus der Nanowelt machen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Kristalle, Moleküle, Physik, Freie-Elektronenlaser-Projekte, DESY
Weitere News zum Thema
Supervulkane werden schnell wieder aktiv (02.02.2012)
Erste Anzeichen für eine Eruption erst wenige Jahrzehnte vorher messbar
Chemie explodierender Sterne enträtselt (23.01.2012)
Meteorit birgt Hinweise für die Bildung von Schwefelmolekülen in den Überresten einer Supernova
Erste Wolkenprobe aus extremer Höhe (05.01.2012)
Probenahme in polaren Stratosphärenwolken hilft bei Erforschung des Ozonabbaus
Unbekannte Metallform im Erdinneren identifiziert (21.12.2011)
Eisenoxid wird leitfähig ohne seine Kristallstruktur zu verändern
Forscher bauen Smiley aus Nanodrähten (20.12.2011)
Neue Methode zur Herstellung von Silizium-Fädchen entwickelt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Albert Einstein
Wie die Zeit relativ wurde und die vierte Dimension entstand
News des Tages
Zahlenstrahl zündet Geistesblitze
Schwarze Löcher noch „ungemütlicher“ als gedacht
Feinstaub: Rekordwerte bei Hochdruckwetter
Licht „verbiegt“ Kunststoffe
Körber-Preis 2005 für neue Glasfasern
Atome beim Schmelzen beobachtet
Virtuelle Fußgänger atmen Stadtluft
Bücher zum Thema
Physik im Strandkorb
Von Wasser, Wind und Wellen von James S. Trefil
Was soll das alles?
Gedanken eines Physikers von Richard P. Feynman
Nanotechnologie und Nanoprozesse
Einführung, Bewertung von Wolfgang Fahrner
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis