Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Korallen können “umschalten”
Skelettzusammensetzung an chemische Zusammensetzung des Meerwassers angepasst
Korallen sind weitaus flexibler als gedacht: Sie können das Material, aus dem sie ihre Skelette bauen, wechseln – je nachdem, welche Mineralien das umgebende Meerwasser gerade „im Angebot“ hat. Dies ist das überraschende Ergebnis einer jetzt in der Fachzeitschrift „Geology“ veröffentlichten Studie und gleichzeitig der erste Fall eines Tieres, das seine Skelettzusammensetzung auf diese Weise an Umweltveränderungen anpassen kann.

Justin Ries am Korallenbecken
Justin Ries am Korallenbecken
© Will Kirk/JHU
Riffe sind gewaltige Unterwasserstrukturen, die über lange Zeiträume hinweg gewachsen sind. Grundbestandteil dieser Bauten sind die Kalziumkarbonatskelette von Generationen von winzigen Korallentieren. Der Meeresgeologe Justin Ries und seine Kollegen von der Johns Hopkins Universität untersuchten nun den Skelettbildungsprozess von drei Arten moderner, riffbildender Korallen näher. Sie hielten die Tiere sechs Tanks, die mit Meerwasser unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung gefüllt waren. Das Verhältnis von Kalzium zu Magnesium in den Tanks spiegelte jeweils die Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten der Erdgeschichte wieder.

Umschalten bei Magnesiummangel
Nach zwei Monaten entnahm Ries die in dieser Zeit entstandenen Korallenskelette und analysierte ihre Mineralzusammensetzung mithilfe von Röntgendiffraktionsmessungen. Zur Überraschung des Forschers zeigte sich, dass die Korallen aus dem Meerwasser mit einem Magnesium-Kalzium-Verhältnis von weniger als 2:1 große Anteile ihres Skeletts aus dem Kalziummineral gebaut hatten, während die Tiere aus dem Becken mit „normalem“ Meerwasser nur Aragonit benutzten.

Offensichtlich können die Tiere, entgegen vorherigen Annahmen, durchaus von Aragonit zu einem anderen Mineral umschalten, wenn Magnesiummangel herrscht. „Das ist faszinierend, weil wir bisher immer geglaubt haben, dass die Zusammensetzung der Korallenskelette festgelegt ist“, erklärt Ries. Seiner Ansicht nach gibt diese „mineralogische Flexibilität“ den Korallen einen evolutionären Vorteil, da sich im Laufe der Erdgeschichte die Meerwasserzusammensetzung mehrfach dramatisch geändert hat und es deutlich mehr Energie gekostet hätte, die Standardzusammensetzung auch unter widrigen Umständen weiter zu produzieren.

Wachstum verlangsamt
Ganz ohne Nachteile bleibt jedoch auch das Umschalten nicht: Die Korallen, die ihre Skelette auf Kalzitbasis erzeugten, wuchsen deutlich langsamer als ihre Artgenossen unter Normalbedingungen. „Die Reduktion der Wachstumsrate durch das chemisch veränderte Meerwasser ist ein weiterer Beleg dafür, wie sensibel die Korallen auf Umweltveränderungen reagieren“, so der Wissenschaftler.

„Angesichts der gegenwärtigen und für die Zukunft vorhergesagten Veränderungen in Temperatur und Salzgehalt der Ozeane durch die Klimaerwärmung und die steigenden CO2-Konzentrationen, bedeutet das, dass dies auch auf die Fähigkeiten der Korallen zum Bau ihrer Skelette und damit der Riffe Auswirkungen haben wird“, so Ries. Keine gute Nachricht für die sensiblen Ökosysteme der Riffbewohner. Und auch nicht für die Küstengebiete, denen die vorgelagerten Riffe als wichtiger Schutz und Wellenbrecher dienen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Korallen, Riffe, KOrallenskelett, Aragonit, Kalzium, Magnesium, Meerwasser, Chemie, Klimawandel, KOrallenriffe, Kalziumkarbonat, Meer, Ozean, Meerestiere
Weitere News zum Thema
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Einzigartige Lebenswelt an antarktischen Tiefsee-Quellen entdeckt (04.01.2012)
Forscher finden nie zuvor gesehene Tierarten an unterseeischen Schloten
Überdüngung lässt Ozeane schneller versauern (24.10.2011)
Nährstoffeintrag senkt Puffer-Wirkung des Meerwassers
Algen-Gifte töten Korallen (18.10.2011)
Substanzen verhindern auch Regeneration bereits geschädigter Riffe
Klimawandel lässt Organismen schrumpfen (17.10.2011)
Lebewesen passen sich an Erwärmung, Trockenheit und höhere Kohlendioxidwerte an
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Great Barrier Reef
Bedrohte Wunderwelt des Meeres
Kaltwasserkorallen
Das „Great Barrier Reef“ des Nordens
Bedrohtes Paradies Wattenmeer
Wo der Meeresboden begehbar ist...
Symbiosen
Eine Hand wäscht die andere
Leben im Wassertropfen
Ein Kosmos für sich
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Auftriebsgebiete der Ozeane
Alles Gute kommt von unten
Black Smoker
Expedition zu den Geysiren der Tiefsee
Kontinentalränder
Forschung in Europas Unterwasserreich
News des Tages
Korallen können “umschalten”
Business-Plan für Tiger
Weltgrößtes "Reagenzglas" für Plankton
Alzheimer-Protein tut auch Gutes
Warum leuchten Leuchtdioden?
Fussball: Computer als Taktiker
Nanoliter-Labor für den Blick in die Gene
Bücher zum Thema
Nachrichten aus einem unbekannten Universum
Eine Zeitreise durch die Meere
Unter Wasser
von Bill Curtsinger
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Der unsichtbare Kontinent
Die Entdeckung der Meerestiefe von Robert Kunzig
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis