Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
"Kisseneffekt" macht Etiketten schlau
Chemiker optimieren organische Elektronik
Das intelligente Etikett auf dem Joghurtbecher registriert jede Ortsveränderung der einzelnen Verpackung und überwacht die Haltbarkeit des Inhalts. Möglich machen sollen dies zukünftig organische Moleküle, die im elektronischen Schaltkreis herkömmliche Halbleiter wie Silizium ersetzen. Chemiker haben jetzt die Transportmechanismen elektrischer Ladungen in organischen Materialien entschlüsselt und sagen schon für die nächsten Jahre einen breiten Einsatz flexibler und kostengünstiger elektronischer Papiere voraus.

Grenzflächen machen Probleme
Das Hauptproblem bei der Herstellung organischer Elektronik liegt darin, Metall- (Elektroden) und Molekülstrukturen (Halbleiter) aneinander anzupassen. Dies betrifft vor allem die elektronischen Niveaus an der Grenzfläche zwischen Elektronik und Organik. Um diese Prozesse besser zu verstehen, haben Chemiker der Ruhr-Universität Bochum um Professor Christof Wöll gemeinsam mit Kollegen der University of North Texas neue, sehr genaue Rechenverfahren entwickelt, durch die sie auf das Wirken des so genannten Kisseneffekts aufmerksam wurden:

Organisches Display - ein Display auf Siliziumbasis würde bei dieser Biegung brechen.
Organisches Display - ein Display auf Siliziumbasis würde bei dieser Biegung brechen.
© RUB
Die Elektronen des Metalls werden durch das organische Molekül seitlich weggedrückt, was im Metall ein elektrisches Feld erzeugt (Dipol), wodurch sich die elektronischen Zustände verschieben. Damit verändert sich auch die Austrittsarbeit, das heißt die Energie, die nötig ist, damit ein Elektron vom Metall in den Halbleiter wandert. Bislang wurde angenommen, dass die Austrittsarbeit bei schwachen Wechselwirkungen zwischen Metallen und organischen Molekülen unverändert bleibt.

Kristallite und selbstorganisierende Schichten
Ebenso wichtig ist es, zu wissen, wie sich die Elektronen im Halbleiter weiter bewegen. Mithilfe eines neuen Großgeräts, das Rastertunnelmikroskopie und Rasterelektronenmikroskopie kombiniert, stellten die Forscher in der Nähe der Elektroden Verarmungszonen fest, in denen kaum Moleküle vorhanden waren, während sie sich direkt auf den Elektroden häuften. Hier störte die so genannte van-der-Waals- Wechselwirkung den Elektronenfluss.

Durch Aufbringen von selbstanordnenden Monolagen (Self Assembled Monolayer: SAM) konnte diese Wechselwirkung weitgehend aufgehoben werden. Weiterhin deuten erste Erfolge darauf hin, dass sich Defekte an den Elektroden und innerhalb des organischen Halbleiters - wie beim Silizium auch - durch Arbeiten mit Einkristallen weitgehend ausschließen lassen. Zudem zeigte sich, dass die Beweglichkeit der Ladungsträger bei niedrigen Temperaturen deutlich größer wird und dass auch bei organischen Halbleitern Bandleitung auftritt.

Organische Elektronik: preiswert und vielseitig
Aufgrund ihrer hohen Materialflexibilität - elektronische Papiere lassen sich zwar nicht zerknüllen, aber doch stark rollen und biegen - könnten diese elektronischen Schaltkreise mit konventionellen Druckmaschinen direkt auf unterschiedliche Unterlagen aufgedruckt werden. Das macht organische Halbleitermaterialien zu einer kostengünstigen Elektronik für einfache Anwendungen mit einem geringen Stückpreis je Bauteil. All diese Vorteile lassen ein breites Anwendungsspektrum organischer Elektronik erwarten: von elektronischen Wasserzeichen über Transponder, Barcodes, flexible smart cards, integrierte Steuerungen für Sensoren bis hin zu Aktuatoren zur Einmalnutzung und organischen Aktivmatrix-Displays.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
RFID, Halbleiter, organische ELektronik, Elektronik, SIlizium, TEchnik, informatik, COMputer, Barcodes, smart cards
Weitere News zum Thema
Forscher entwickeln "elektronisches Pflaster" (12.08.2011)
Hauchdünne, dehnbare Sensoren lassen sich direkt auf der Haut tragen
Vibrierender Ring schützt vor Fehlkauf (18.05.2011)
"Angel Ring" erkennt Inhaltsstoffe von Produkten im Supermarkt
Schlaue Plättchen überwachen Blut (22.12.2010)
RFID-Chip ermöglicht konstante Temperaturkontrolle von empfindlichen Waren
Blaumeisen: Weibchen schlafen länger (20.09.2010)
Erstmals Schlafverhalten von wildlebenden Vögeln beobachtet
Funk-Etikett aus Holz hilft bei der Fortwirtschaft (05.08.2010)
RFID aus Papier und Lignin soll Holz-Logistik optimieren
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Computer der Zukunft
Rechnen mit Quanten, Licht und DNA
Smart Dust
Die unsichtbaren Computernetze der Zukunft
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Künstliche Intelligenz
Wenn Maschinen zu denken beginnen...
Chips und Neuronen im Dialog
Verbindungen von Nervenzellen und Siliziumtechnologie
News des Tages
Was haben Haiflossen und Beine gemeinsam?
Impfung gegen Übergewicht?
Mulch und Furchen gegen Hochwasser
Gassensoren erkennen unsichtbare Gefahr
Rezeptor sorgt für freie Sicht
"Kisseneffekt" macht Etiketten schlau
Bücher zum Thema
Maschinen mit Bewusstsein
Wohin führt die künstliche Intelligenz? von Bernd Vowinkel
Menschmaschinen
Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen von Rodney Brooks
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis