Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Seegras als Rohstoff der Zukunft?
Wissenschaftler verwerten ungeliebtes Strandgut
Angeschwemmtes Seegras kann richtig teuer werden. Da es nur mit einer aufwändigen Vorbehandlung entsorgt werden darf und auch das Aufbringen auf die Felder inzwischen verboten ist, haben viele Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns ein Problem: Wohin mit dem ungeliebten Strandgut? Wissenschaftler haben jetzt gezeigt, dass der „Müll“ ein enormes Potenzial besitzt: Nach der Reinigung und Trocknung eignet er sich zur Weiterverarbeitung und wird damit zum kostbaren Naturrohstoff. So könnten beispielsweise Vitrinen für Museen in Zukunft aus Seegrasfaserplatten hergestellt werden.

Seegras
Seegras
© TU Dresden/Tech Seegras
Sören Tech, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Holz- und Papiertechnik der Technischen Universität (TU) Dresden trug die Idee zur stofflichen Nutzung von Seegras schon eine Weile mit sich herum. Wie könnte man angeschwemmtes Biomaterial, das die feinweißen Sandstrände verunziert, als Rohstoff weiterverwerten? Vor sieben Jahren trat er mit Frage an die Ostseegemeinde „Am Klützer Winkel“ heran, ob man dort nicht testen wolle, wie Seegras eventuell als Bau- und Dämmstoff verwendet werden könnte, statt für eine aufwändige Entsorgung zu bezahlen? Man wollte.

Seegras brennt schlechter
Daraufhin wurde ein EU-Projekt mit neun Partnern aus fünf Ländern ins Leben gerufen, das sich verschiedenen Teilaspekten des Problems gesondert widmete - etwa, welche Inhaltsstoffe die verschiedenen Seegras-Sorten haben, wie es am einfachsten getrocknet werden kann, und welche Vermarktungsstrategien sich für das außergewöhnliche Material anbieten.

Das Institut für Holz- und Papiertechnik der TU Dresden beschäftigte sich vor allem mit der Frage, welche Materialeigenschaften bei verschiedenen Mischungsverhältnissen am besten zum Tragen kommen, und wie der Faserrohstoff in bestehende Produkte und Anlagen integriert werden könnte. Durch seinen natürlichen Salzgehalt brennt Seegras schlechter als andere gängige Dämmstoffe wie beispielsweise Flachs, und lässt sich doch einfacher verarbeiten als Stein- oder Glaswolle. So kann Seegras Faserplatten beigemischt werden und dabei andere, wertvollere Rohstoffe ersetzen. Aber auch für Biogasanlagen ist der nachwachsende Rohstoff geeignet.

Die Herausforderung, das Seegras kostengünstig so zu reinigen, dass es anschließend weiterverwendet werden kann, untersuchten die Wissenschaftler dann in einer Pilotanlage. Als besonders günstig und effektiv erwies sich dabei eine Luftstromtrocknung. Eine eigens initiierte Marktstudie wies zudem nach, dass das Material für mittelgroße regionale Dämmstoffproduzenten trotz der relativen Unberechenbarkeit des „Erntezeitpunkts“ attraktiv sein kann.

Vernünftige Erntetechnologien fehlen bisher
Darüber hinaus denkt Tech daran, den weltweit steigenden Bedarf an Rohstoffen durch die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffquellen aus See- und Binnengewässern mit ähnlichen Zielstellungen anzugehen. Wenn da vernünftige Erntetechnologien direkt aus dem Wasser entwickelt würden, erklärt der Wissenschaftler, hätte man Seegras in hoher Qualität, das andere nachwachsende Rohstoffe ergänzen könnte.

Die Zukunft des Seegras, das traditionell auch als Füllstoff für Matratzen oder Sofas diente, sehen die Wissenschaftler um Tech in einer hochwertigen Weiterverarbeitung. So liegt bereits eine Anfrage des Meeresmuseums Stralsund am Dresdner Institut vor: die neuen Vitrinen des Museums sollen aus Seegrasfaserplatten hergestellt, die Leuchten mit Seegrasschirmen veredelt werden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Seegras, Rohstoff, Material, Meer, Ozean, Nachwachsende Rohstoffe, Müll, Strandgut, Energie, Technik
Weitere News zum Thema
Ozeanversauerung lässt Korallenriffe verarmen (03.06.2011)
Kohlendioxid-Quellen im Meer zeigen zukünftige Folgen der Versauerung des Meerwassers
Mittelmeer: Invasive Arten breiten sich aus (25.05.2011)
Eingewanderte Arten bewirken Umstrukturierung der Nahrungsketten
Biologische Vielfalt schwindet weiter (11.05.2010)
UN-Bericht: Keine Trendwende erkennbar
Ölpest im Golf: Ökologische Langzeitwirkungen befürchtet (10.05.2010)
Mehr als 400 Tier- und Pflanzenarten in der Golfregion betroffen
Plattentektonik verhalf Seepferdchen zur aufrechten Haltung (08.06.2009)
Mutation durch Entstehung von Flachmeeren begünstigt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Kohle aus dem "Dampfkochtopf"
Neue Methode verwandelt Biomasse in wertvolle Rohstoffe
Biomasse
Holz, Stroh und Biogas - Energielieferanten der Zukunft?
Pionierpflanzen
Leben aus dem Nichts
Alleskönner Alge
Von Sushi bis zur Blauen Biotechnologie
Erneuerbare Energien
Welche Zukunft haben die "Ressourcen der Zukunft"
Meeresenergie
Strom für das 3. Jahrtausend?
Strand
Fragiles Idyll aus Wellen, Sand und Wind
Dünen
Wandelnde Sandberge mit Geheimnissen
News des Tages
Gourmet-Frösche vertreiben einheimische Quaker
Hüpfende Fans machen Fußball-Tempel mürbe
AIDS: Zahl der Toten in Deutschland stagniert
November: Zu kalt, zu feucht, zu düster
Seegras als Rohstoff der Zukunft?
Teamwork macht Schwangerschaft erfolgreich
Bücher zum Thema
Fair Future
Ein Report des Wuppertal Instituts
Genius - Task Force Biologie
Strategiespiel zu umweltwelt- verträglichem Handeln
Erneuerbare Energie
von Thomas Bührke und Roland Wengenmayr
Erneuerbare Energien und Alternative Kraftstoffe
Mit neuer Energie in die Zukunft von Sven Geitmann
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis