Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Ostdeutschland: Landwirtschaft kann Klimawandel trotzen
Neue Studie ermittelt gute Chancen trotz steigender Temperaturen
Potsdamer Forscher haben in einer neuen Studie die Auswirkungen des Klimawandels auf die ostdeutsche Landwirtschaft untersucht. Sie kommen darin zu dem Schluss, dass das Risiko gering ist, dass die dortigen Anbauflächen an Wert verlieren. Mithilfe geeigneter Anpassungsmaßnahmen könnten die negativen Auswirkungen des Klimawandels ausgeglichen und Erträge möglicherweise sogar gesteigert werden.

Sonnenlicht
Sonnenlicht
© IMSI MasterClips
Aufgrund des Klimawandels sind Witterungsextreme wie Stürme, Starkniederschläge, Überschwemmungen und länger andauernde Trockenphasen häufiger zu erwarten. Witterungsextreme können lokal für massive Ernteausfälle sorgen, über ihr künftiges Auftreten lassen sich jedoch bislang keine zuverlässigen Aussagen treffen. Über die Entwicklung von Temperatur und Niederschlag können dagegen Projektionen berechnet werden. Diese Faktoren haben über einen längeren Zeitraum betrachtet auch größeren Einfluss auf die Entwicklung landwirtschaftlicher Erträge.

2,7 Grad mehr bis Mitte des Jahrhunderts
Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat mithilfe des Szenarienmodells STAR II berechnet, dass die Jahresmitteltemperatur in Ostdeutschland bis zur Mitte des Jahrhunderts um bis zu 2,7 Grad Celsius steigen könnte. Die jährliche Niederschlagssumme könnte demnach zur Mitte dieses Jahrhunderts nur geringfügig abnehmen. Es müsste jedoch mit einer Niederschlagsumverteilung gerechnet werden, so die Wissenschaftler in ihrer neuen Studie.

Die Niederschläge in den Sommermonaten nehmen voraussichtlich ab, in den Wintermonaten steigen sie hingegen wahrscheinlich an. Dieser Trend kann – so die Forscher - bereits beobachtet werden. Er setzt sich als Tendenz fort, wird aber nach den Projektionen sporadisch durch relativ feuchte Phasen mit vergleichsweise hohen Sommerniederschlägen unterbrochen.

Mehrkosten für die Landwirte
Aufbauend auf diesen Szenarien haben die PIK-Wissenschaftler Frank Wechsung und Andrea Lüttger abgeschätzt, dass in den nächsten 20 bis 30 Jahren die exemplarisch betrachteten Mais- und Weizenerträge in Ostdeutschland bei diesen klimatischen Veränderungen wahrscheinlich im Mittel stabil bleiben werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts ist allerdings mit deutlichen Ertragsrückgängen zu rechnen, insbesondere an Standorten im östlichen küstenfernen Flachland. Der Maisanbau ist davon stärker betroffen als der von Weizen.

Da das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) auch einen Düngungseffekt hat rechnen die Klimaforscher in allen östlichen Bundesländern beim Winterweizen mit leichten Ertragsgewinnen und beim Mais mit nur geringen trockenstressbedingten Verlusten. Der Düngungseffekt wirkt sich jedoch nur bei optimaler Stickstoffversorgung der Pflanzen aus. Für die Landwirte könnte das Mehrkosten bedeuten.

Holzertrag
Holzertrag
© PIK Holzertrag
Anpassungen nötig
„Kurzumtriebplantagen mit Zitterpappeln sind eine gute Anbaualternative für Landwirte, um über längere Zeiträume ein Einkommen zu sichern“, sagt Petra Lasch vom Forschungsbereich Klimawirkung und Vulnerabilität des PIK. Denn es sei zu erwarten, dass die schnell wachsende Baumart, die auch als Aspe (Populus tremula) bezeichnet wird, unter den angenommen Klimaänderungen steigende Erträge liefere.

Dies sei auch auf den vom Klimawandel naturgemäß stärker betroffenen, leichten und sandigen Standorten mit geringerem Wasserrückhaltevermögen zu erwarten. Agrarholz profitiere stärker von steigenden Temperaturen und erhöhter CO2-Konzentration als andere Kulturen.

Investitionen lohnen sich
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) müsse die Chancen und Risiken des Klimawandels gleichermaßen untersuchen und darstellen, schreibt der Direktor Hans Joachim Schellnhuber in einem Vorwort zur Studie. Die Untersuchung zeige positive wie negative mögliche Auswirkungen auf die ostdeutsche Landwirtschaft auf und werde diesem Auftrag damit gerecht. Die gute Nachricht für die ostdeutsche Landwirtschaft laute, dass es sich weiterhin lohne, zu investieren. „Und das auch unter den Bedingungen des Klimawandels“, so Schellnhuber.

Die Wissenschaftler kommen in ihrem Report abschließend zur Einschätzung, dass der Wert von Ackerland für die Rohstoff- und Biomasseproduktion eher zu- als abnehmen wird. Der globale Nachfrageschub beeinflusse den Marktpreis positiv. Selbst wenn Erträge in Ostdeutschland regional abnehmen, würden die monetären Verluste durch Preisanstiege wahrscheinlich überkompensiert.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Klimawandel, Globale Erwärmung, Landwirtschaft, Stürme, Überschwemmungen, Anpassungen, Temperaturen, Niederschläge, Ernte, Erträge, Holz
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Modellvergleich soll Klimafolgen besser abschätzen (08.02.2012)
Besseres Fundament für Weltklimabericht 2014
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
S.O.S. - Ist das Klima noch zu retten?
Klimakonferenz 2006: Zukunft Verhandlungssache
Alles öko, oder was?
Landwirtschaft im Wandel
Regen
Wolken, Wetter, Wassertropfen
Winterstürme
Stürmische Zeiten für Mitteleuropa?
"Land unter"
Vernichtende Fluten auf dem Vormarsch?
Simulierte Welten
Modelle der Natur im Computer
Wohin mit dem CO2?
Auf der Suche nach „Endlagern“ in Untergrund und Ozeanen
News des Tages
Paracetamol erhöht Asthma-Risiko um das Dreifache
Menschen hören wie Fliegen
Permafrost speit mehr Treibhausgase als gedacht
Pilze: Protein-Teamwork garantiert Erfolg beim Sex
Schlusspfiff für Schiffsgift
Darmbakterium verursacht Frühgeburten
Ostdeutschland: Landwirtschaft kann Klimawandel trotzen
Bücher zum Thema
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Wetterkatastro- phen und Klimawandel
Sind wir noch zu retten? von Hartmut Grassl u. a.
Atmosphäre im Wandel
Die empfindliche Lufthülle unseres Planeten von Thomas E. Graedel, Paul J. Crutzen
Die Atmosphäre der Erde
Eine Einführung in die Meterologie von Helmut Kraus
Landschaften der Erde
unter dem Einfluss des Menschen von Hans-Rudolf Bork
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis