Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Salz löst Proteinklumpen auf
Forscher entdecken fundamentale Eigenschaften von Eiweißen
Ein internationales Forscherteam hat bisher unbekannte fundamentale Eigenschaften von Proteinen entdeckt. Wie die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ berichten, können Proteine durch Zugabe von bestimmten Salzen sowohl zum Verklumpen als auch wieder in Lösung gebracht werden.

Modell eines gefalteten Proteins
Modell eines gefalteten Proteins
© DOE
Proteine erfüllen in biologischen Systemen und Lebewesen zahlreiche lebenswichtige Aufgaben. Sie sind nicht nur Baustoffe der Zellen, sondern zum Beispiel auch Signalstoffe und chemische Zellwerkzeuge. Um die Vorgänge in Zellgeweben und anderen biologischen Systemen tiefgehend zu verstehen, müssen Forscher die Wechselwirkungen der Proteine mit anderen Stoffen sowie mit Wasser kennen.

Wechselwirkung mit umgebenden Wasser
Gerade die Aggregation von Proteinen ist sehr wichtig, dies zeigen einige Beispiele: Sie spielt bei der Alzheimer-Krankheit und Prionenerkrankungen wie dem Rinderwahnsinn (BSE) und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit eine entscheidende Rolle. In einem ganz anderen Bereich ist die Kristallisation, eine kontrollierte Aggregation von Proteinen, entscheidend für die Aufklärung ihrer Struktur, die auch eine Voraussetzung für die Entwicklung neuer Medikamente ist.

Eine zentrale Rolle für die Struktur und Funktion von Proteinen spielt die Wechselwirkung mit dem umgebenden Wasser und den darin enthaltenen Salzionen, positiv oder negativ geladenen Teilchen. Ein bekannter Effekt ist dabei, dass die Erhöhung der Salzkonzentration in einer Lösung zur Abschirmung von Ladungen auf den Proteinen führt. Dies verringert ihre elektrostatische Abstoßung untereinander - was letztlich zu einer Aggregation und Ausfallen aus der Lösung führen kann.

Proteine gehen wieder in Lösung
Die Wissenschaftler um Professor Frank Schreiber vom Institut für Angewandte Physik der Universität Tübingen haben nun zusammen mit Kollegen aus Saarbrücken und Oxford nachgewiesen, dass unter bestimmten Bedingungen die weitere Zugabe bestimmter Salze mit hochgeladenen Ionen, zum Beispiel Yttrium- und Lanthansalzen, diese Aggregation rückgängig macht: Die Proteine gehen wieder in Lösung.

Die Forscher erklären diesen Effekt durch eine Ladungsumkehr von ursprünglich dominierend negativem Vorzeichen - Proteine in Lösung - zu nahezu neutral (Aggregation) bis hin zu (durch die starken mehrwertigen Ionen) dominierend positivem Vorzeichen (Wiederauflösung). Dieser Effekt war bereits bekannt von einfachen Kolloiden, sehr fein verteilten Stoffen in einer Flüssigkeit, wie sie zum Beispiel in Dispersionsfarbe Anwendung finden. Doch nun ist der Effekt zum ersten Mal bei den sehr viel komplizierter strukturierten Proteinen gezeigt worden.

Vollständiges Phasendiagramm aufgestellt
Die Experimente zu dieser ersten Entdeckung wurden mit Hilfe optischer Spektroskopie und Röntgenkleinwinkelstreuung unter der Leitung der Physiker Fajun Zhang und Schreiber durchgeführt. Sie arbeiteten mit den Theoretikern der Arbeitsgruppen von Andreas Hildebrandt vom Zentrum für Bioinformatik Saar und Professor Oliver Kohlbacher vom Zentrum für Bioinformatik Tübingen zusammen, die mit einem neuartigen Zugang den Ladungszustand der Proteine in Lösung realistisch auf dem Computer simulieren konnten.

Das Forscherteam hat nun ein vollständiges Phasendiagramm aufgestellt, in dem aufgeführt ist, wie viel Salz man für die verwendeten Proteine bei welcher Konzentration braucht, um den besonderen Effekt der Wiederauflösung zu erreichen. Damit eröffnen sich nach Angaben der Forscher neue Perspektiven zum grundlegenden Verständnis von Proteinen und auch für eine Reihe von Anwendungen im Bereich des Umgangs mit Proteinsystemen, zum Beispiel bei der Erzeugung von Proteinkristallen zur Strukturaufklärung.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Proteine, Eiweiße, Salze, Verklumpung, BSE, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, Alzheimer, Prionenerkrankungen, Ionen
Weitere News zum Thema
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Massage wirkt ähnlich wie Schmerzmittel (02.02.2012)
Forscher klären molekularen Mechanismus hinter der Behandlung auf
BSE-Erreger noch gefährlicher als gedacht? (27.01.2012)
Lymphgewebe bieten Prionen ein Refugium im neuen Organismus
Archaeopteryx hatte schwarze Flügel (25.01.2012)
Forscher bestimmen erstmals die Farbe einer 150 Millionen Jahre alten Feder
Frösche erkennen sich am Geruch (25.01.2012)
Makrolide als flüchtige Pheromone der Tiere
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Salz
Weißes Gold im Zwielicht?
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
News des Tages
Aids-Pandemie begann schon um 1900
Sternengeburten häufiger als gedacht
Bundesregierung beschließt Meeresstrategie
Gefährliche Prise: Pestizide in Kräutern und Gewürzen
Elektrodensandwich statt Glühbirne
Salz löst Proteinklumpen auf
Bücher zum Thema
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Die Welt hinter den Dingen
von Ludwig Schultz und Hermann- Friedrich Wagner
Die chemischen Elemente
Ein Streifzug durch das Periodensystem von Lucien F. Trueb
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Die Geschwindigkeit des Honigs
Ungewöhnliche Erkenntnisse aus der Physik des Alltags von Jay Ingram
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis